IX. War Gauguin fähig, seinen Kollegen körperlich zu attackieren?

 

Zahlreiche Zeitgenossen, die ihn gut kannten, haben bestätigt: Gauguin ging keiner Auseinandersetzung aus dem Wege. Er lebte nach eigenen Regeln, war rücksichtslos, aggressiv und von aufbrausendem Temperament. Man schrieb ihm einen „Schlächterinstinkt“ zu. Künstlerkollegen wie Monet und Renoir fanden Gauguin „aggressiv und sein Verhalten diktatorisch und hochmütig“. Er war als Raufbold bekannt, der stets bereit war, „mit Waffen, Fäusten oder Worten zu kämpfen“. Auch sei er von anmaßender Selbstsicherheit, verschlagener Scharfsichtigkeit und ständig auf der Lauer gewesen.*
Seine Laufbahn bei der französischen Marine zerstörte er selbst, als er in einer wütenden Aufwallung seinen Quartiermeister kopfüber in einen Wasserkübel tauchte. Selbst gegen seine Ehefrau Mette ist er gewalttätig geworden. Der älteste Sohn Emil musste als Zehnjähriger mit ansehen, wie sein Vater das Gesicht der Mutter blutig schlug.23

Daher ist es nicht abwegig anzunehmen, dass er in jener Nacht nicht zögerte, seinen Kollegen mit dem Säbel anzugreifen, entweder weil er meinte, sich gegen einen Angriff (mit einem Rasiermesser?) wehren zu müssen, oder einfach weil van Gogh ihn reizte oder ihm auf die Nerven ging.

  

<< vorherige nächste Frage >>  

 


 
* Douglas W. Druick/Peter Kort Zegers (eds.): Van Gogh and Gauguin – The Studio of the South; Chicago (Thames & Hudson) 2001, p. 52, 154, 264, sowie Kaufmann/Wildegans 2008, p.290-292

23. see Letter of Gauguin's son Emil Gauguin to George Crès, 4 June 1926, quoted in Merlhès 1989, p. 19-20